Stellungnahme/Eingabe

2016

Position der Bundessteuerberaterkammer zur Stellung des Steuerberaters im Rahmen der Binnenmarktstrategie der Europäischen Kommission

22.11.2016



Sehr geehrte Damen und Herren,

anbei erhalten Sie das Positionspapier der Bundessteuerberaterkammer zur Stellung des Steuerberaters im Rahmen der Binnenmarktstrategie der Europäischen Kommission zur Kenntnis.

Das Positionspapier erläutert die besondere Rolle des Steuerberaters in Deutschland als Organ der Steuerrechtspflege und macht ausgehend von diesem Befund deutlich, aus welchen Gründen insbesondere auch die Vorbehaltsaufgaben und die Kapitalbindung gerechtfertigt sind. Auch weist es auf den Widerspruch hin, der darin besteht, dass die EU-Kommission (Generaldirektion TAXUD) auf der einen Seite im Zusammenhang mit der Diskussion um mehr Steuertransparenz neue Regelungen für mehr Verantwortung des Steuerberaters fordert, wäh-rend die gleiche EU-Kommission (Generaldirektion GROW) auf der anderen Seite eine massi-ve Deregulierung berufsrechtlicher Regulierungen verlangt.

Wir würden uns freuen, wenn Sie die Position der Bundessteuerberaterkammer im Rahmen der anstehenden Diskussionen um die Umsetzung der Binnenmarktstrategie berücksichtigen würden. Gerne stehen wir für ein persönliches Gespräch zur Verfügung, um die Position der Bundessteuerberaterkammer näher zu erläutern.

Mit freundlichen Grüßen
i. V.

Thomas Hund
stellv. Hauptgeschäftsführer

 

Anlage

   

I.                   Erfolgsmodell Binnenmarkt stärken

Der europäische Binnenmarkt ist ein Erfolgsmodell. Er hat die exportorientierte deutsche Wirtschaft entscheidend vorangebracht und vor allem für mittelständische Unternehmen neue Marktchancen ermöglicht. Die Steuerberater spielen dabei eine wichtige Rolle; sie sind Partner und Dienstleister für die deutsche Wirtschaft. Mit ihrer kompetenten Beratung sorgen sie dafür, dass Unternehmen rechtzeitig die richtigen Entscheidungen treffen und tragen damit maßgeblich zu einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung bei.

Der Berufsstand der deutschen Steuerberater spricht sich deshalb für ein starkes Europa aus und unterstützt im Grundsatz eine Vertiefung des europäischen Binnenmarktes.

Hierzu gehört auch, die Rahmenbedingungen für die Erbringung grenzüberschreitender Steuerberatungsleistungen zu verbessern. Die Bundessteuerberaterkammer ist deshalb bereit, die bestehenden berufsrechtlichen Regelungen kritisch auf deren Kohärenz zu überprüfen und, soweit erforderlich, anzupassen. Das Vertragsverletzungsverfahren hinsichtlich der Steuerberatervergütungsverordnung (StBVV) hat gezeigt, dass die Bundessteuerberaterkammer die notwendigen Veränderungen konstruktiv mitträgt und dem Berufsstand vermittelt.

Doch sind nicht alle Berufe gleich, und nicht alle berufsrechtlichen Regelungen sind in gleicher Weise einer Veränderung zugänglich. Ohne eine Berücksichtigung der Rahmenbedingungen und der Aufgaben des konkreten Berufes können Reformen ihr Ziel verfehlen und zu empfindlichen Einbußen in der Qualität der Dienstleistung führen. Eine differenzierte Betrachtung ist daher unerlässlich, wie im Folgenden aufgezeigt wird.

 

II.                Unterschiedliche Berufsrechte respektieren

Der Beruf des Steuerberaters ist in der Europäischen Union nicht harmonisiert. Die berufsrechtlichen Regelungen, falls überhaupt vorhanden, sind von Mitgliedstaat zu Mitgliedstaat sehr unterschiedlich. Das Spektrum reicht von vollständiger Liberalisierung, z.B. in den Niederlanden, bis zu einem hohen Regulierungsgrad in Deutschland. Ein Kammersystem mit Selbstverwaltungsaufgaben und Aufsichtsfunktionen ist im Grunde nur in Deutschland und Österreich, mit Einschränkungen in Italien und Frankreich anzutreffen.

Dies kann zum Teil daran liegen, dass das materielle Steuerrecht, mit dem die Steuerberater tagtäglich arbeiten, in der EU in 28 Einzelrechtsordnungen geregelt ist. Die Steuerhoheit liegt, auch im Rahmen der zunehmenden europäischen Integration, nach wie vor in den Händen der Mitgliedstaaten. Angesichts der hochkomplexen Materie benötigen die Steuerpflichtigen Beratung und Unterstützung durch einen Expertenberuf, um in der Auseinandersetzung zwischen Bürger und Finanzverwaltung die von Natur aus stärkere Position des Staates ausgleichen zu können, und zwar in dem Mitgliedstaat, in dem sie ihre Steuern schulden.

In erster Linie ist die Unterschiedlichkeit der Berufsrechte jedoch auf verschiedene berufsethische Traditionen, historische Entwicklungen und ein anderes Rechtsverständnis für die Rechtsstellung und das Berufsbild eines bestimmten Berufs zurückzuführen.

Die berufsrechtlichen Systeme sind tief in der jeweiligen nationalen Rechtsordnung verwurzelt und sollten daher respektiert werden. Der EuGH hat hierzu jüngst entschieden, dass die Mitgliedstaaten, solange es an einer Harmonisierung des Berufsrechts fehlt, selbst festlegen dürfen, welche Kenntnisse und Fähigkeiten zur Ausübung eines Berufs notwendig sind [1].

Eine Angleichung der berufsrechtlichen Regelungen der Mitgliedstaaten könnte daher nur Sinn machen, wenn zuvor eine Harmonisierung des materiellen Steuerrechts erfolgt, was in den nächsten Jahren jedoch nicht zu erwarten ist.

 

III.             Organ der Steuerrechtspflege

In Deutschland ist der Steuerberater nach der Berufsordnung ein „unabhängiges Organ der Steuerrechtspflege“ mit der Befugnis zur Vertretung vor den Finanzgerichten – ein Merkmal, das andere Mitgliedstaaten nicht aufweisen.

Als Angehöriger eines Freien Berufs ist er Interessenvertreter seiner Mandanten und zugleich dem Gemeinwohl verpflichtet. Durch die gesetzlich geschützte berufliche Verschwiegenheit und die detaillierte Kenntnis der wirtschaftlichen und persönlichen Verhältnisse seiner Mandanten trägt der Steuerberater ein hohes Maß an Verantwortung und hat eine besondere Vertrauensstellung.

In dieser Doppelfunktion tragen die Steuerberater maßgeblich zur Sicherung des Steueraufkommens in Deutschland bei. Die deutsche Finanzverwaltung ist auf korrekte und vollständig ausgefüllte Steuererklärungen angewiesen, was in der bewährten Qualität nur durch Steuerberater garantiert werden kann, da nur sie aufgrund ihrer rechtlich verbrieften Funktion als „Organ der Steuerrechtspflege“ zu gewissenhafter und ordnungsgemäßer Leistungserbringung verpflichtet sind.

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass Deutschland einer der wenigen EU-Mitgliedstaaten mit ausgeglichenem Haushalt ist.

Eine Absenkung der Qualifikationsanforderungen für die Steuerberatung bzw. eine Lockerung der Vorbehaltsaufgaben würde bei der Finanzverwaltung zu einem steigenden Prüfungsaufwand führen, da die eingehenden Steuererklärungen dann wesentlich intensiver geprüft werden müssen. Ohne eine intensive personelle Aufstockung wäre die Finanzverwaltung nicht in der Lage, jede Steuererklärung auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Dadurch würden nicht nur erhebliche Steuerausfälle aufgrund fehlerhafter Steuererklärungen, sondern eine zusätzliche finanzielle Belastung der öffentlichen Haushalte durch weiteres Personal drohen. Diese Doppelfunktion der Steuerberater rechtfertigt besondere berufsrechtliche Regelungen.

  

IV.             Verbraucherschutz durch Unabhängigkeit

Wie unter III. ausgeführt, ist der Steuerberater ein „ unabhängiges Organ der Steuerrechtspflege“. Die unabhängige und eigenverantwortliche Berufsausübung wird durch die bestehenden Anforderungen an die Beteiligungsverhältnisse an einer Steuerberatungsgesellschaft garantiert.  

Diese auch als „Kapitalbindung“ bezeichnete Anforderung besagt, dass als Gesellschafter einer Steuerberatungsgesellschaft nur Steuerberater, Rechtsanwälte, niedergelassene europäische Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer, vereidigte Buchprüfer, Steuerbevollmächtigte oder – nach Genehmigung durch die zuständige Steuerberaterkammer – auch andere befähigte Personen in Betracht kommen. Berufsfremde gewerbliche Investoren sind von einer solchen Beteiligung ausgeschlossen.

Würde dieses Fremdbeteiligungsverbot fallen, könnten Steuerberater zum verlängerten Arm von Versicherungsunternehmen oder Fondsanbietern werden. Ein berufsfremder Investor hätte in erster Linie eine gute Rendite im Blick. Eine Bank, die (Mit-)Eigentümerin einer Steuerberatungsgesellschaft wäre, würde darauf drängen, dem Mandanten die Anlageprodukte dieser Bank zu empfehlen, und zwar auch dann, wenn das Produkt eines anderen Anbieters für den Mandanten günstiger wäre. Damit steht nicht nur die Unabhängigkeit der Steuerberatung, sondern auch die bestmögliche Beratung im Interesse des Mandanten auf dem Spiel. Das Beispiel zeigt, dass das Fremdkapitalverbot kein Selbstzweck der Steuerberater ist, sondern die unabhängige und eigenverantwortliche Berufsausübung des Steuerberaters garantiert. Damit dient es letztendlich dem Verbraucherschutz und der Qualitätssicherung, denn es gewährleistet, dass Steuerberater für ihre Mandanten und nicht im Interesse externer Kapitalgeber arbeiten. Darüber hinaus wirkt das Verbot präventiv gegen einen möglichen Missbrauch von Informationen und Daten.

  

V.                Verbraucherschutz durch Vorbehaltsaufgaben

Zum Thema Vorbehaltsaufgaben ist zunächst klarzustellen, dass es sich bei der Steuerberatung in Deutschland – entgegen einer landläufig verbreiteten Meinung – weder rechtlich noch faktisch um eine exklusive Vorbehaltsaufgabe der Steuerberater handelt:

Zur unbeschränkten Hilfeleistung in Steuersachen sind in Deutschland nicht nur Steuerberater, sondern auch Steuerbevollmächtigte, Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und vereidigte Buchprüfer befugt (§ 3 StBerG). Darüber hinaus ist in 16 Tatbeständen einem weiten Kreis von Personen die Befugnis zur beschränkten Hilfeleistung in Steuersachen (z.B. Notare, Patentanwälte, Lohnsteuerhilfevereine, Arbeitgeber, Handelsunternehmen, Behörden, Berufsvertretungen) gestattet (§ 4 StBerG). Auch im Bereich der Buchführung und der Lohnsteueranmeldungen bestehen insbesondere zu Gunsten von Buchhaltern und Bilanzbuchhaltern weitreichende Ausnahmen: Die Buchung der laufenden Geschäftsvorfälle (Kontieren von Belegen), die laufende Lohnabrechnung und das Fertigen der Lohnsteueranmeldungen sind aus dem Bereich der Vorbehaltsaufgaben ausgenommen und können auch von geringer qualifizierten Personen durchgeführt werden.

Die Vorbehaltsaufgaben sichern die hohe Qualität der Steuerberatung und schützen die Verbraucher vor den Folgen einer minderwertigen Beratung durch geringer qualifizierte Personen. Im Zusammenspiel mit den gesetzlichen Berufspflichten des Steuerberaters wie der Pflicht zur Verschwiegenheit und Unabhängigkeit gewährleisten die Vorbehaltsaufgaben, dass die Steuerpflichtigen bei der Inanspruchnahme der Dienstleistung auf die hohe Beratungsqualität und die Integrität des Steuerberaters vertrauen können.

Das System der Vorbehaltsaufgaben dient zugleich der Sicherung einer funktionierenden Steuerrechtspflege. Die hohe Qualität der Steuerberatung garantiert die richtige Anwendung der Steuergesetze und sichert damit das staatliche Steueraufkommen.

Der EuGH hat in ständiger Rechtsprechung (zuletzt im Urteil „X-Steuerberatungsgesellschaft“) ausdrücklich anerkannt, dass die Verhinderung von Steuerhinterziehung und der Verbraucherschutz zwingende Gründe des Allgemeininteresses darstellen [2], die eine Beschränkung des freien Dienstleistungsverkehrs rechtfertigen können. Da die Vorbehaltsaufgaben, wie oben beschrieben, den Verbraucher schützen und Steuerhinterziehung verhindern, sind diese Kriterien in Deutschland erfüllt. 

Der EuGH selbst hat die Vorbehaltsaufgaben schließlich gestärkt, indem er der Auffassung des Generalanwalts hinsichtlich einer angeblichen Inkohärenz der Vorbehaltsaufgaben im oben genannten Fall nicht gefolgt ist und gegen das Konzept der „abgestuften“ Befugnisse zur Hilfeleistung in Steuersachen keine Einwände erhoben hat.

   

VI.             Garant für Wirtschaftswachstum

Als Partner und Dienstleister der deutschen Wirtschaft tragen die Steuerberater erheblich zur wirtschaftlichen Dynamik in Deutschland bei. Sie stehen für Qualität, Vertrauen, Unabhängigkeit, Verbraucherschutz und persönliche Leistungserbringung.

Demgegenüber stellt die Europäische Kommission auf rein ökonomische Aspekte ab. Sie verspricht sich von Deregulierungsmaßnahmen eine Ankurbelung der Wirtschaft, will aber nicht anerkennen, dass die oben genannten Maßstäbe den eigentlichen Wert der Steuerberatung für die deutsche Wirtschaft ausmachen.

Die Kommission hat keinen empirisch belastbaren Nachweis dafür vorgelegt, dass eine Deregulierung des Berufsrechts der Steuerberater – insbesondere eine Lockerung der Kapitalbindung – tatsächlich zu mehr Wettbewerb führen würde. In Deutschland beweist schon die ständig zunehmende Zahl der Steuerberater, dass ein gut funktionierender Wettbewerb im Steuerberatungsmarkt herrscht. Zum anderen liegen die tatsächlichen Hinderungsgründe für grenzüberschreitende Dienstleistungen nicht in den berufsrechtlichen Anforderungen, sondern in bestehenden Sprachbarrieren und den unterschiedlichen, komplizierten Steuergesetzen der Mitgliedstaaten (s.o. II.).

Dies wird durch die jährlichen Zahlen zur „Wanderungsstatistik“ nach Deutschland im Rahmen des § 3a StBerG (vorübergehende grenzüberschreitende Dienstleistungen) sehr anschaulich belegt: Im Jahr 2015 waren insgesamt 220 Meldungen zu verzeichnen, wovon 172 aus Österreich, 10 aus der Schweiz, 9 aus den Niederlanden, 8 aus Polen usw. stammten. Diese Zahlen sprechen eine klare Sprache. Wenn aber die grenzüberschreitende Aktivität selbst bei der vorübergehenden Dienstleistungserbringung nach § 3a so gering ist, gilt dies erst recht für dauerhafte Niederlassungen. Mit Deregulierungsmaßnahmen wird hier kein Potenzial zu heben sein.

Die zentrale Frage ist jedoch, ob eine Deregulierung im Berufsrecht der Steuerberater den Steuerpflichtigen, insbesondere den Unternehmen, Vorteile bringen könnte. Aus Sicht der Unternehmen wäre eine Beauftragung geringer qualifizierter Personen allenfalls auf den ersten Blick kostengünstiger. Vielmehr bestünde das Risiko, dass es für sie mittel- und langfristig deutlich teurer würde: Falsche Beratung und fehlerhaft ausgefüllte Steuererklärungen bergen die Gefahr, überhöhte Steuern zu bezahlen bzw. eine geringere Steuererstattung zu erhalten. Die beschriebenen intensiveren Prüfungshandlungen seitens der Finanzbehörden (s.o. IV.) führen wiederum zu Folgekosten bei der Betreuung von Betriebsprüfungen. Fehlerhafte Bilanzen und Steuererklärungen belasten die Unternehmen anschließend durch die Verzinsung der Steuernachforderungen. Hier besteht auch die Gefahr, sich wegen Steuerhinterziehung strafbar zu machen, was zu zusätzlichen Kosten durch Verteidigerhonorare und/oder Geldstrafen führen kann.

Aber auch eine getrennte Beauftragung von Steuerberatern und geringer qualifizierten Personen, beispielsweise im Bereich der Umsatzsteuervoranmeldung oder der Buchführung, würde aus Sicht der Unternehmen zu einem Mehraufwand und damit zu zusätzlichen Kosten führen, weil der Steuerberater bei Erstellung des Jahresabschlusses und der Steuererklärungen die Vorarbeiten z.B. des Bilanzbuchhalters noch einmal kontrollieren müsste.

  

VII.          Spannungsfeld zwischen Binnenmarktpolitik und Steuerinitiativen

Gleichzeitig zur Binnenmarktstrategie ist der Beruf des Steuerberaters seit den „LuxLeaks“ und den „Panama Papers“ in den politischen Fokus gerückt. Das Europäische Parlament fordert einen „ EU-Verhaltenskodex“, eine „Unvereinbarkeitsregelung für Steuerberater“ und einen „konkreten regulatorischen Rahmen auf Unionsebene für Sanktionen gegen Steuerberater, die nachweislich mit gelisteten Steuerhoheitsgebieten zu tun haben“. Die Europäische Kommission hat jüngst angekündigt, „ die Tätigkeiten von Steuerberatern verstärkt zu prüfen“, die Beaufsichtigung des Berufsstands zu verbessern und „abschreckende Maßnahmen“ gegen diejenigen einzuführen, die „aggressive Steuerplanung fördern und ermöglichen“.

Die Europäische Kommission verfolgt also zwei Ziele: Einerseits will sie den Binnenmarkt weiter vertiefen, andererseits im Kampf gegen Steuerumgehung zügig vorankommen. Daraus ergibt sich folgendes Spannungsfeld:

Im Rahmen der Binnenmarktstrategie verlangt die Kommission, dass der Berufsstand seine berufsrechtlichen Regelungen lockert bzw. abbaut, um angeblich für mehr Wettbewerb im Steuerberatungsmarkt zu sorgen; andererseits werden im Rahmen der Diskussion um mehr Steuertransparenz gerade neue Regelungen für mehr Verantwortung des Steuerberaters gefordert.

Die Bundessteuerberaterkammer unterstützt die Arbeit der EU-Gesetzgeber für mehr Steuertransparenz. Was die Unternehmensbesteuerung angeht, vertreten 98 Prozent der deutschen Steuerberater typischerweise kleine und mittlere Unternehmen (KMU), die – mit Hilfe des Steuerberaters – ihre Steuern ordnungsgemäß entrichten und mit den fraglichen Steuerkonstruktionen nicht in Berührung kommen.

Die Bundessteuerberaterkammer befürchtet jedoch, dass einige Elemente der Binnenmarktstrategie, soweit sie das Berufsrecht der Steuerberater betreffen, im Widerspruch zum Ziel der Kommission stehen, mehr Verantwortung der Steuerberater durch eine Anhebung der berufsethischen Standards zu erreichen.

Die Deregulierungsansätze der GD GROW betreffen nämlich die Regelungsbereiche, mit denen wir die Qualität, die Unabhängigkeit und die Verlässlichkeit des Berufs sicherstellen. Viele bestehende, aber durch die Deregulierungspolitik gefährdete berufsrechtliche Regelungen tragen zur Erreichung der von GD TAXUD anvisierten Ziele bei.

In den Mitgliedstaaten, in denen der Beruf reglementiert ist, sind die Steuerberater schon heute von Rechts wegen verpflichtet, ihren Beruf gewissenhaft, sorgfältig und in voller Übereinstimmung mit allen anwendbaren Gesetzen auszuüben. In Deutschland haben die Steuerberater zudem die rechtliche Stellung als „Organ der Steuerrechtspflege“ und sind an berufsrechtliche Regelungen gebunden, die Qualität, Verbraucherschutz und Unabhängigkeit sichern (s.o. III. bis V.)

Hinzu kommt, dass ein Missbrauch von rechtlichen Gestaltungsmöglichkeiten  in Deutschland nach der geltenden Rechtslage verboten ist (§ 42 Abgabenordnung). Hierunter ist eine missbräuchliche Ausnutzung des Steuerrechts zum Zwecke der Steuerumgehung oder Steuerminderung zu verstehen. Eine solche Ausnutzung liegt vor, wenn eine unangemessene rechtliche Gestaltung gewählt worden ist, die Gestaltung zu einem gesetzlich nicht vorgesehenen Steuervorteil führt und der Steuerpflichtige keine beachtlichen außersteuerlichen Gründe nachweisen kann. In diesem Fall ist die Steuer so zu erheben, wie sie bei einer angemessenen rechtlichen Gestaltung zu erheben wäre.

Im Rahmen einer interprofessionellen Zusammenarbeit, z.B. mit Rechtsanwälten, gilt zudem der Grundsatz des strengsten Berufsrechts. Dadurch soll sichergestellt werden, dass Handlungen, die einem Steuerberater selbst verboten wären, von einem anderen Berufsträger, der nicht an das Berufsrecht der Steuerberater gebunden ist, sanktionslos vorgenommen werden können. Da die berufsfremden Sozien an ihr eigenes Berufsrecht gebunden bleiben, müssen interprofessionelle Sozietäten daher ihre Zusammenarbeit nach dem jeweils strengsten Berufsrecht ausrichten (Prinzip der Meistbelastung).

Außerdem ist es dem Steuerberater, im Unterschied zu anderen Dienstleistungsberufen, nicht gestattet, eine geschäftsführende Treuhandtätigkeit im Namen seines Mandanten auszuüben. Er darf lediglich in aufsichtführender Funktion treuhänderisch tätig werden, d.h. er hat gegenüber seinem Mandanten, z.B. bei der Entwicklung eines Anlagesystems, nur Kontroll- und Aufsichtsfunktionen. Hier bleibt der Mandant selbst entscheidungsbefugt. Anlageentscheidungen, wie sie im Zusammenhang mit LuxLeaks und den Panama-Papers getroffen worden sind, sind einem Steuerberater damit schon aus berufsaufsichtlichen Gründen untersagt.

Zur Forderung der Kommission nach einer „stärkeren Beaufsichtigung“ des Berufsstands ist ebenfalls festzustellen, dass die deutschen Steuerberater nach § 76 Abs. 1 StBerG bereits der Berufsaufsicht durch die Steuerberaterkammern unterliegen. Die Steuerberaterkammern gehen Pflichtverletzungen nach und ahnden diese mit den erforderlichen berufsrechtlichen Maßnahmen. Sie können Berufsaufsichtsverfahren führen und in schwerwiegenden Fällen auch die Einleitung eines berufsgerichtlichen Verfahrens bei der Generalstaatsanwaltschaft beantragen. Im Rahmen dieses Verfahrens kann das Gericht eine Warnung, einen Verweis, eine Geldbuße bis zu fünfzigtausend Euro, ein Berufsverbot für die Dauer von bis zu fünf Jahren oder den Ausschluss aus dem Beruf verhängen.

Mit all diesen Regeln trägt das deutsche Berufsrecht der Steuerberater zur Verhinderung von Steuerhinterziehung bei und leistet einen wertvollen Beitrag zu einer funktionierenden Steuerrechtspflege.

In diesem Sinn erkennt auch der EuGH in ständiger Rechtsprechung (zuletzt im Urteil C-342/14, X-Steuerberatungsgesellschaft) an, dass die Verhinderung von Steuerhinterziehung und der Verbraucherschutz zwingende Gründe des Allgemeininteresses darstellen, die eine Beschränkung des freien Dienstleistungsverkehrs rechtfertigen können.

Die Bundessteuerberaterkammer fordert die Europäische Kommission und die nationalen Regierungen daher auf, die oben dargelegten Argumente in ihre Beratungen einzubeziehen und ggf. auf bereits bestehende berufliche Reglementierungen zur Sicherstellung von Verantwortung, Rechtstreue und ethischem Verhalten von Steuerberatern zurückzugreifen. Die Bundessteuerberaterkammer ist bereit, zur Rechtssetzung der Europäischen Kommission entsprechend beizutragen. Gerade unser deutsches Berufsmodell kann dabei interessante und positive Impulse liefern.

 

VIII.       Fazit

Steuerberater sind Garanten für Wirtschaftswachstum. Sie stehen für Qualität, Verlässlichkeit und persönliche Leistungserbringung. Eine Lockerung dieser Anforderungen, etwa im Bereich der Vorbehaltsaufgaben, würde für Unternehmen erhebliche Sicherheits- und Planungsrisiken mit sich bringen und die Wirtschaft insgesamt schwächen.

Die Mandanten legen besonderen Wert auf die unabhängige Berufsausübung des Steuerberaters. Nur so ist ihre bestmögliche Beratung gewährleistet. Dies wird durch das bestehende Fremdkapitalverbot hinreichend abgesichert.

Für den Staat haben die Steuerberater eine wichtige Bindefunktion zu den Steuerpflichtigen und tragen damit maßgeblich zur Sicherung des Steueraufkommens bei. Damit dies auch in Zukunft so bleibt, sind berufliche Rahmenbedingungen notwendig, um die Verlässlichkeit und die Unabhängigkeit der Steuerberater zu garantieren.

 


[1] Urteil in der Rechtssache C-342/14, „ X-Steuerberatungsgesellschaft“, Rn. 44, hinsichtlich des Berufszugangs

[2] C-342/14, Rn. 53

 

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